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Die Girya

Vom russischen Markt-Gewicht über die Sowjetunion bis zum weltweiten Kettlebell-Sport

Die Kettlebell – im Russischen Girya (гиря) genannt – ist weit mehr als ein Fitness-Gerät. Sie ist ein Stück russischer und sowjetischer Sport-Geschichte, ein Werkzeug der körperlichen Erziehung und ein Symbol für eine Form von funktioneller Kraft, die mit erstaunlich wenig Ausrüstung auskommt.

Was heute in Fitness-Studios, Cross-Training-Boxen und Home-Gyms weltweit als effizientes Ganzkörper-Training gefeiert wird, hat seine Wurzeln in Osteuropa. Besonders in Russland, der Ukraine, Belarus und den baltischen Staaten entwickelte sich aus dem ursprünglichen Gewicht eine eigenständige Kraftsport-Tradition.

Aus dem Gewicht, mit dem auf russischen Märkten Getreide und andere Waren gewogen wurden, wurde zunächst ein Spielzeug für starke Männer auf Jahrmärkten und im Zirkus. Später wurde die Girya zum Trainingsgerät von Arbeitern, Soldaten, Gewichthebern und Sportlern. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich daraus ein organisierter Sport – der Girevoy Sport (GS).

Heute ist daraus eine internationale Sportart mit nationalen Verbänden, internationalen Meisterschaften, Weltrekorden und konkurrierenden Weltverbänden geworden.

Und noch etwas hat sich verändert: Die klassische schwarze Gusseisen-Kettlebell ist längst nicht mehr allein. Für den Wettkampf entstand eine zweite Bauform – die Competition-Kettlebell aus Stahl. Sie sieht anders aus, fühlt sich anders an und erfüllt einen ganz bestimmten Zweck.

Wurzeln auf dem Bauern-Markt

Die Geschichte der Girya beginnt nicht im Fitness-Studio und auch nicht in der Roten Armee.

Die frühen russischen Giri waren zunächst Gewichte zum Wiegen von Waren. Das russische Wort girya ist bereits in einem Wörterbuch von 1704 dokumentiert.

Irgendwann entdeckten Menschen, dass man mit den ungewöhnlich geformten Gewichten auch spielen und trainieren konnte.

Das war naheliegend: Ein Gewicht mit Griff lässt sich nicht nur hochheben, sondern schwingen, reißen, drücken und umsetzen. Damit besitzt die Girya Eigenschaften, die ein gewöhnlicher Hantel-Block nicht hat.

Im 19. Jahrhundert wurde das Gewicht zunehmend zum Instrument der Körperertüchtigung. Russische Kraft-Menschen, Artisten und Zirkusleute verwendeten Giri, um ihre Kraft zu demonstrieren.

Auf Jahrmärkten konnte der Zuschauer damals etwas sehen, das uns auch heute noch vertraut vorkommt: Ein scheinbar einfacher Metallkörper wurde mit einer Hand, zwei Händen oder über dem Kopf bewegt – und die Zahl der Wiederholungen wurde zum Maßstab der Stärke.

Aus der Marktwaage war ein Kraftgerät geworden.

Der Pud – warum gerade 16, 24 und 32 kg?

Eine Besonderheit der russischen Kettlebell-Tradition ist die Orientierung an alten russischen Gewichten.

Der Pud (Pud) entsprach etwa 16,38 Kilogramm.

Daraus entstanden die traditionellen Kettlebells:

  • 16 kg – 1 Pud
  • 24 kg – 1½ Pud
  • 32 kg – 2 Pud

Die heutigen Angaben 16, 24 und 32 kg sind also keine zufällige moderne Fitness-Norm. Sie erinnern unmittelbar an die historische russische Gewichts-Tradition.

Das erklärt auch, warum diese drei Gewichte im klassischen Girevoy Sport so lange eine herausragende Rolle spielten.

Allerdings sollte man sich vor einer zu einfachen Erklärung hüten: Nicht jede 16-, 24- oder 32-kg-Kettlebell der Gegenwart ist eine historische „russische Norm“. Der moderne Sport hat zusätzliche Gewichte, Gewichts-Klassen und unterschiedliche Regelwerke entwickelt.

Hin zum organisierten Sport

Bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde mit Giri bei Kraft-Wettbewerben gearbeitet.

Die Entwicklung verlief zunächst allerdings nicht so geregelt wie bei einem modernen Sport.

Es gab keine weltweit einheitliche Wettkampf-Form, keine international verbindlichen Zeit-Limits und teilweise auch keine einheitliche Technik.

Der Gedanke war zunächst schlicht: Wer kann das Gewicht am häufigsten bewegen?

Damit war die Girya bereits früh etwas anderes als ein klassischer Maximal-Kraftsport. Nicht die eine spektakuläre Wiederholung stand im Mittelpunkt, sondern die Kombination aus Kraft und Ausdauer.

Diese Eigenschaft sollte später zum entscheidenden Merkmal des Girevoy Sport werden.

Die Sowjetunion entdeckt die Girya

Nach der Revolution von 1917 und während der Industrialisierung der Sowjetunion bekam körperliche Leistungsfähigkeit eine neue Bedeutung.

Die Sowjetunion wollte eine Bevölkerung, die arbeitsfähig, belastbar und militärisch verwendbar war.

Die Kettlebell war dafür nahezu ideal:

  • billig herzustellen
  • nahezu unzerstörbar
  • ohne komplizierte Geräte verwendbar
  • für Kraft und Ausdauer geeignet
  • für Gruppen-Übungen geeignet

Damit passte die Girya hervorragend in das sowjetische Konzept der körperlichen Erziehung.

Das GTO-Programm für Arbeit und Verteidigung

Am 11. März 1931 wurde der Allunions-Komplex

„Gotov k trudu i oborone SSSR“

– kurz GTO, „Bereit für Arbeit und Verteidigung der UdSSR“ – eingeführt.

Das Programm sollte die körperliche Leistungs-Fähigkeit der Bevölkerung systematisch fördern.

Trainiert und geprüft wurden unter anderem:

  • Laufen
  • Springen
  • Schwimmen
  • Klimmzüge
  • Werfen

Die Kettlebell war dabei nicht einfach eine einzelne zentrale GTO-Prüfung. Ihre Bedeutung lag vielmehr darin, dass sie in der sowjetischen körperlichen Ausbildung und im Training weit verbreitet war.

Das ist ein wichtiger Unterschied: GTO war kein „Kettlebell-Programm“.

Aber die Girya passte perfekt in diese Philosophie: Der Mensch sollte nicht nur eine einzelne Kraft-Leistung beherrschen, sondern insgesamt leistungsfähig sein.

Die Girya in Armee und militärischer Ausbildung

In den sowjetischen Streitkräften wurde die Kettlebell als praktisches Gerät zum Kraft-Training eingesetzt.

Ein Soldat musste schließlich nicht nur einmal etwas Schweres heben können. Er musste marschieren, klettern, tragen, ziehen, springen und unter Ermüdung weiterarbeiten können.

Die Girya eignete sich dafür hervorragend.

Typische Übungen waren:

  • Reißen (Snatch)
  • Drücken (Press)
  • Umsetzen (Clean)
  • Kniebeugen (Squat)
  • Schwingen (Swing)

Die Bewegungen beanspruchten nicht nur einzelne Muskeln, sondern eine ganze Bewegungs-Kette:

Beine – Hüfte – Rumpf – Schulter – Arm – Hand

Gerade diese Kombination aus Griffkraft, Rumpf-Stabilität, Beinkraft und Ausdauer machte die Kettlebell für die militärische Ausbildung interessant.

24 kg, die klassische Männer-Girya

Die 24 kg wurden im sowjetischen Kettlebell-Training zu einem besonders bekannten Gewicht.

Das entspricht 1½ Pud und stellt einen interessanten Kompromiss dar: Schwer genug, um erhebliche Kraft zu verlangen, aber leicht genug, um damit viele Wiederholungen zu absolvieren.

Im modernen Fitness-Betrieb ist die 24er deshalb bis heute eine wichtige Zwischenstufe.

Wer beispielsweise mit 16 kg problemlos trainiert, aber 32 kg noch nicht kontrollieren kann, findet in der 24-kg-Girya ein klassisches Trainings-Gewicht.

Im historischen Girevoy Sport wurde allerdings je nach Alters-, Gewichts– und Leistungs-Klasse mit unterschiedlichen Gewichten gearbeitet. Die Vorstellung, jeder sowjetische Soldat habe ausschließlich mit 24 kg trainiert, wäre daher zu stark vereinfacht.

1948: Die Girya wird zur Sportart

Ein entscheidender Wendepunkt kam 1948.

Kettlebell-Heben wurde in der Sowjetunion als eigenständige Sportart etabliert. Beim All-Union-Wettbewerb traten Athleten aus den sowjetischen Republiken gegeneinander an.

Damit begann die eigentliche Entwicklung des modernen Girevoy Sport.

In den 1950er-Jahren wurden Kettlebell-Wettbewerbe durchgeführt, aber Regeln, Technik und Zeitlimits waren noch nicht so standardisiert wie später. Entscheidend war vor allem die Zahl der gültigen Wiederholungen.

Die 1960er und 1970er: Aus Tradition wird Sport

In den 1960er-Jahren verbreitete sich das Kettlebell-Training in Schulen, Hochschulen und Sport-Organisationen.

In den 1970er-Jahren wurde der Sport weiter institutionalisiert. Es entstanden Kommissionen, einheitlichere Regeln, Gewichts-Klassen und Wettkampfkalender.

Besonders stark wurde die Girya-Tradition nicht nur in Russland, sondern auch in anderen sowjetischen Republiken.

Dazu gehörten:

  • Ukraine
  • Belarus
  • Litauen
  • Lettland
  • Estland

und später weitere Staaten des ehemaligen sowjetischen Einfluss-Bereichs.

Das ist wichtig, weil Kettlebell-Sport deshalb bis heute nicht einfach als „russischer Sport“ verstanden werden kann.

Seine historische Heimat ist sowjetisch und osteuropäisch – seine heutige Sport-Landschaft ist deutlich vielfältiger.

1985 wurde das Regelwerk erneut grundlegend vereinheitlicht.

Im November 1985 fand in Lipetsk die erste offizielle sowjetische Meisterschaft in dieser modernen Form statt. Die Disziplinen waren der zweihändige Jerk und der einarmige Snatch.

Damit war die Grundlage für den modernen Kettlebell-Sport geschaffen.

1988 kam der Long Cycle hinzu.

1989 wurde schließlich das berühmte 10-Minuten-Zeitlimit eingeführt.

Das veränderte den Charakter des Sports entscheidend.

Jetzt ging es nicht mehr darum, möglichst lange irgendwie weiterzuheben.

Es ging darum, zehn Minuten lang möglichst viele technisch gültige Wiederholungen zu schaffen.

Damit wurde Kettlebell-Sport zu einer Mischung aus Kraft, Ausdauer, Technik, Rhythmus und Taktik.

Was ist eigentlich Girevoy Sport?

Girevoy Sport ist kein gewöhnliches Kettlebell-Fitness-Programm.

Ein klassischer Wettkampf besteht aus langen Sätzen mit festgelegtem Gewicht und einer vorgegebenen Zeit. Die wichtigsten klassischen Disziplinen sind:

  • Jerk: Die Kettlebell beziehungsweise zwei Kettlebells werden aus der Rack-Position über den Kopf gestoßen
  • Snatch: Eine Kettlebell wird in einer fließenden Bewegung vom Boden beziehungsweise zwischen den Beinen bis über den Kopf gebracht
  • Long Cycle: Clean und Jerk werden miteinander verbunden: Die Kettlebell wird vor jeder Wiederholung umgesetzt und anschließend gestoßen
  • Biathlon: Beim klassischen Biathlon werden Jerk und Snatch miteinander kombiniert.

Das Entscheidende: Der Sport belohnt nicht die spektakulärste Einzel-Wiederholung, sondern die effizienteste Bewegung.

Warum Kettlebell-Sportler anders trainieren

Ein Kraft-Sportler kann einen schweren Satz absolvieren und anschließend lange pausieren.

Ein Girevik denkt anders. Er versucht, Energie zu sparen.

Die Kettlebell soll nicht unnötig gebremst werden. Die Bewegung soll ökonomisch sein. Die Muskulatur soll während des Satzes möglichst intelligent entlastet werden.

Deshalb sehen Weltklasse-Leistungen für einen Außenstehenden manchmal erstaunlich leicht aus.

Der Athlet kämpft nicht gegen die Kettlebell. Er arbeitet mit ihr.

Das ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Kettlebell-Sport und gewöhnlichem Kettlebell-Training.

Die Competition Kettlebell

Und damit sind wir bei einer der interessantesten Entwicklungen der modernen Girya-Geschichte.

Über Jahrhunderte war die Kettlebell im Wesentlichen das, was man heute als klassische Gusseisen-Kettlebell bezeichnen würde:

  • massive Metallkugel
  • unterschiedlich große Körper
  • klassischer gebogener Griff
  • flacher Standfuß
  • mit zunehmendem Gewicht meist auch größerer Korpus

Diese Bauform ist bis heute die klassische Girya. Für den Wettkampf-Sport entstand jedoch ein anderes Konzept: Die Competition Kettlebell

Sie besteht typischerweise aus Stahl und besitzt – unabhängig vom Gewicht – weitgehend gleiche Abmessungen.

Eine 16-kg-Kettlebell soll dadurch von außen nahezu genauso groß sein wie eine 24er oder 32er.

Das Gewicht wird nicht einfach dadurch verändert, dass die Kugel immer größer wird. Bei klassischen Competition Bells wird der innere Aufbau entsprechend angepasst, teilweise durch einen Hohlraum beziehungsweise unterschiedliche Material-Verteilung.

Es gibt kein einzelnes Jahr, in dem plötzlich die Competition Kettlebell erfunden wurde. Die Entwicklung hängt mit der Standardisierung des Girevoy Sport zusammen und erfolgte schrittweise.

Die Wettkämpfe wurden bereits in der Sowjet-Zeit standardisiert, während die heute vertraute farbige Stahl-Kugel mit einheitlichen Außenmaßen vor allem in der internationalen Entwicklung des Sports nach dem Ende der Sowjetunion an Bedeutung gewann.

Spätestens in den 1990er- und 2000er-Jahren war die Competition Kettlebell im internationalen Girevoy Sport fest etabliert. Mit der Verbreitung des Sports in Westeuropa und Nordamerika wurde sie anschließend auch außerhalb der ehemaligen Sowjetunion bekannt.

Bereits die internationale Sport-Entwicklung der 1990er-Jahre erforderte einheitliche Geräte. Nach 2000 beschleunigte sich die Verbreitung außerhalb Osteuropas deutlich. In den USA wurde der Sport beispielsweise durch Valery Fedorenko und den World Kettlebell Club ab 2000 bekannt gemacht.

Warum haben Competition-Kettlebells alle dieselbe Größe? Das Prinzip ist genial einfach.

Wenn ein Sportler von 16 kg auf 20, 24 oder 28 kg wechselt, soll er nicht gleichzeitig eine völlig andere Kettlebell-Technik lernen müssen.

Bei der klassischen Gusseisen-Kettlebell wird eine schwerere Kugel normalerweise auch größer. Bei der Competition Kettlebell bleibt die Außenform weitgehend gleich.

Dadurch bleiben:

  • Rack-Position
  • Abstand zwischen Griff und Körper
  • Griffbreite
  • Hand-Position
  • Bewegungs-Bahn
  • Overhead-Position

vergleichbarer.

Das ist für einen Wettkampf-Sport enorm wichtig.

Eine 16er Competition-Kettlebell und eine 32er Competition-Kettlebell sollen sich deshalb trotz des doppelten Gewichts räumlich sehr ähnlich verhalten.

Gusseisen gegen Competition

Damit existieren heute praktisch zwei große Kettlebell-Welten.

Klassische Gusseisen-Kettlebell Competition-Kettlebell
traditionelle Form standardisierte Form
Größe wächst meist mit Gewicht Außenmaße weitgehend gleich
häufig schwarzes Gusseisen meist Stahl
häufig größerer Griff bei schweren Bells standardisierter Griff
ideal für allgemeines Krafttraining ideal für Kettlebell-Sport
sehr traditionelles Gefühl reproduzierbares Wettkampfgefühl
häufig günstiger häufig teurer
große Auswahl an klassischen Formen starke Orientierung an Wettkampfmaßen

Für normales Krafttraining gibt es deshalb keinen Grund, Competition-Kettlebells grundsätzlich für besser zu halten. Sie lösen ein bestimmtes Problem:

Wer ausschließlich Kniebeugen, Deadlift, Row und Press trainiert, kann mit einer guten klassischen Gusseisen-Kettlebell hervorragend arbeiten.

Wer zehn Minuten lang Snatches oder Jerks auf Wettkampf-Niveau absolvieren möchte, profitiert dagegen enorm von einer standardisierten Competition Kettlebell.

Der Zerfall der Sowjetunion verändert den Sport

1991 zerfiel die Sowjetunion.

Für den Kettlebell-Sport war das kein Ende, sondern paradoxerweise der Beginn einer Internationalisierung.

Aus einer sowjetischen Sport-Tradition wurden nationale Sport-Verbände in mehreren unabhängigen Staaten.

1992 entstand die European Union of Kettlebell Lifting (EUWL). Zu den frühen beteiligten Ländern gehörten unter anderem Russland, Ukraine, Belarus sowie die baltischen Staaten.

Aus diesen Strukturen entwickelten sich später internationale Verbände.

Damit begann die zweite große Epoche der Girya:

Die Kettlebell wurde vom sowjetischen Sport zum internationalen Sport.

Osteuropa bleibt das Kraftzentrum

Auch nach dem Ende der Sowjetunion blieb Osteuropa die wichtigste Region des Kettlebell-Sports.

Dazu kamen Länder wie Polen, Ungarn, Moldau, Georgien und weitere Staaten.

Interessant ist dabei, dass Kasachstan geografisch zu Zentral-Asien gehört, sporthistorisch aber sehr stark von der sowjetischen Girevoy-Tradition geprägt wurde und seit Jahrzehnten zur internationalen Spitze gehört.

Ein Blick auf internationale Ergebnisse zeigt diese Dominanz sehr deutlich.

Die Kettlebell-Supermacht

Wenn man nach der größten historischen Kettlebell-Nation fragt, ist die Antwort eindeutig: Russland.

Das Land verfügt über die längste und tiefste organisierte Tradition, eine riesige Zahl von Athleten und Trainern und eine enorme sportwissenschaftliche und militärische Kettlebell-Kultur.

Russland brachte zahlreiche Weltklasse-Gireviks hervor.

Aber Russland steht nicht allein.

Die Ukraine – eine zweite große Kettlebell-Nation besitzt ebenfalls eine außerordentlich starke Girya-Tradition.

Das ist kein Zufall.

Die ukrainische Kettlebell-Kultur entstand innerhalb des sowjetischen Sport-Systems und entwickelte sich nach 1991 eigenständig weiter.

Ukrainische Athleten gehören seit Jahrzehnten zur Weltspitze.

Auch Belarus ist eine traditionelle Kettlebell-Nation. Besonders im Nachwuchs- und Studentensport besitzt das Land eine starke Tradition.

Die baltischen Staaten. Besonders interessant sind:

  • Lettland
  • Litauen
  • Estland

Die baltischen Staaten waren bereits Bestandteil des sowjetischen Sport-Systems, entwickelten nach 1991 aber eigene Verbände und internationale Strukturen.

Polen, Italien und der Westen holen auf

Inzwischen ist die Situation jedoch nicht mehr dieselbe wie vor 30 oder 40 Jahren.

Stark internationalisiert

Es gibt nicht die eine einzige, von allen Kettlebell-Verbänden anerkannte Weltmeisterschaft.

Der Kettlebell-Sport besitzt mehrere internationale Dachverbände.

Zu den wichtigsten gehören unter anderem:

  • IUKL – International Union of Kettlebell Lifting
  • IGSF – International Girevoy Sport Federation
  • WKSF – World Kettlebell Sport Federation
  • weitere internationale Organisationen und Verbände mit eigenen Meisterschaften

Deshalb kann ein Athlet beispielsweise „Weltmeister“ bei einer bestimmten Organisation sein, während ein anderer Athlet im selben Jahr Weltmeister eines anderen Verbandes ist.

Das ist bei einer relativ jungen und nicht olympischen Sportart nicht ungewöhnlich.

Im Westen

Die westliche Kettlebell-Renaissance begann besonders um die Jahrtausendwende.

Eine Schlüsselfigur war Valery Fedorenko, ein russischer Weltklasse-Athlet, der den Sport in den USA stark verbreitete.

2000 entstand dort der World Kettlebell Club.

Parallel dazu machte Pavel Tsatsouline die Kettlebell über Bücher, Seminare und das RKC-System einem westlichen Publikum bekannt.

Dabei muss man allerdings unterscheiden:

Pavel Tsatsouline popularisierte das Kettlebell-Training – er machte aus den USA nicht automatisch eine Girevoy-Sport-Nation.

Deutschland und die Girya

Auch Deutschland besitzt inzwischen eine Kettlebell-Szene.

Allerdings ist Deutschland im internationalen Girevoy Sport bisher nicht mit Russland, Ukraine, Belarus oder den stärksten osteuropäischen Nationen vergleichbar.

Bei der WKSF-Weltmeisterschaft 2024 erreichte Deutschland in der Mannschaftswertung Platz 10.

Daran lässt sich erkennen, wie groß die internationale Konkurrenz inzwischen ist. Es gibt inzwischen Sportler aus Europa, Asien, Nord- und Südamerika und Australien.

Die Girya als Kulturgut

Kaum ein anderes Trainings-Gerät hat eine vergleichbare Geschichte. Und trotzdem ist das Grund-Prinzip unverändert geblieben:

Man nimmt ein Gewicht in die Hand und bewegt es.

Die klassische schwarze Kugel und die farbige Stahl-Competition Bell sehen heute unterschiedlich aus. Ihre Geschichte ist aber miteinander verbunden.

Die Competition Kettlebell ist nicht das Ende der Girya-Tradition.

Sie ist vielmehr deren moderne sportliche Weiterentwicklung.

Die ursprüngliche Gusseisen-Girya steht für Tradition, Einfachheit und praktische Kraft.

Die Competition Kettlebell steht für Standardisierung, Technik und sportlichen Vergleich.

Beide haben ihren Platz.

Und vielleicht erklärt genau das, warum die Kettlebell nach mehr als 300 Jahren immer noch fasziniert: Sie braucht keine Maschine, keinen Strom und kaum Platz.

Eine Kugel, ein Griff – und der ganze Körper arbeitet. Das ist der Kern der Girya.

Sie hat ihre Heimat in Osteuropa.

Aber sie gehört längst der ganzen Welt.